Streitkultur in Ehe und Partnerschaft

In psychologischen Ratgebern und Theorien zur Konfliktbewältigung ist oft vom sanften Streiten die Rede: Aktiv zuhören, den Partner ausreden lassen, konstruktive Ich-Botschaften senden und immer schön sachlich bleiben. Dieser ausgewiesene Königsweg der Streitkultur ist jedoch längst nicht in jeder Situation gangbar: Konflikte und Streitigkeiten zwischen Liebenden sind normal, und ebenso normal ist es, dass Menschen dabei zwischendurch die Sachebene verlassen.

So lange jedem akuten Streit eine vollständige Versöhnung folgt und die Konflikte weder chronisch werden noch unlösbar sind, können jeder Streit und jede Konfliktstrategie als konstruktiv gewertet werden. Unausgetragene oder weiter schwelende Konflikte können die Liebe jedoch so stark belasten, dass die Beziehung dadurch in Gefahr gerät.

Wenn in einer Ehe oder Partnerschaft gewalttätig, einseitig oder andauernd gestritten wird und dennoch kein Streit wirklich zu etwas zu führen scheint, sollte das Paar eine gemeinsame Streitkultur erlernen. Dabei unterstützt der psychologisch geschulte Ehe- und Paarberater seine Klienten als Kommunikationsexperte, Mediator oder Coach. Auch eine Partner- oder Familientherapie ist ein sehr guter Rahmen für konstruktives Streiten, das Aufarbeiten ungelöster Konflikte und gemeinsame Lernprozesse.

Grundsätze konstruktiver Streitkultur

Wenn Paare nicht konstruktiv streiten können, ist es hilfreich, sich mit der grundsätzlichen und subjektiv-emotionalen Bedeutung von Beziehungskonflikten und dem eigenen Rollenverhalten auseinanderzusetzen. Auch individuelle Regeln und vielversprechende Lösungsansätze für künftige Streitereien können während der Paarberatung oder Eheberatung herausgearbeitet und ausprobiert werden.

Die folgenden Grundsätze sollten stets beachtet werden:

  • Streit ist normal und erlaubt. Er ist kein Infragestellen der Persönlichkeit oder der Liebe, sondern Ausdruck von Bedürfnissen und ein wichtiger Schritt zur Einigung.
  • Es wird fair gestritten: Vereinbarte Regeln müssen eingehalten werden.
  • Streiten ist kein Sport, kein Wettbewerb und kein Krieg. Daher gibt es keinen Sieg und keine Niederlage, weder durch k.o. noch nach Punkten.
  • Auch beim Streiten sind Pausen erlaubt. Sie helfen beim Nachdenken und Abbau von akutem Zorn; außerdem sind sie manchmal zur Erholung nötig.
  • Der Streit darf nicht eskalieren. Das Streitverhalten muss dem Anlass angemessen bleiben.
  • Das Ziel jedes Streits ist die Versöhnung.
  • Gewalt ist tabu.

Wenn ein Streit sich festfährt oder wiederholt, ist die Kreativität der Beteiligten gefragt: Offenbar wurde die richtige Lösung noch nicht gefunden, neue Vorschläge müssen her. Der Handwerkerspruch „An den Kanten zeigt sich der Meister“ gilt auch für Liebesbeziehungen.

Individuelle Streitstrategien – Streit wegen Kleinigkeiten/grundsätzliche Streitthemen

Die altgriechische Göttin Eris warf als Erste den Zankapfel, der seither zwischen den Menschen hin- und herfliegt und immer neu definiert werden kann. Eris ist die Göttin des Streits, und die Kunst des (verbalen) Streitens in der Philosophie und Rhetorik wird Eristik genannt.

Eheleute und generell Liebende streiten jedoch selten nach Theorien oder um philosophische Themen. Meist geht es um Probleme des Alltags und des täglichen Zusammenlebens. Dabei nehmen häufig gerade Kleinigkeiten, über die sich die Partner nicht einigen können, einen unangemessen großen Raum ein, etwa nicht zugeschraubte Zahnpastatuben, zerfledderte Zeitungen, herumliegende Socken und nicht erledigter Abwasch.

Grundsätzlichere Streitthemen in Ehen und festen Beziehungen sind abweichende Einstellungen zu Sex und Treue, Kindererziehung, Freunden und Familie, Freizeit- und Urlaubsgestaltung sowie Finanz- und Zukunftsplanung.

In welchem Umfang und auf welche Weise gestritten wird, hängt zum einen von den individuellen Gewohnheiten und Streitstrategien der Partner ab und zum anderen von deren interindividuell vereinbarten oder in der Partnerschaft gewachsenen Konfliktregeln.

Bevorzugt werden natürlich Streitstrategien, die zum Charakter passen und sich in der Vergangenheit bewährt haben. Schwierig wird es, wenn zwei Menschen aufeinandertreffen, deren Konfliktverhalten nicht harmoniert – das stellt alte Gewohnheiten in Frage und zwingt im Idealfall alle Beteiligten zum Umdenken. Um diese Herausforderung zu meistern, nehmen viele Paare professionelle Hilfe in Anspruch, etwa in Form einer Eheberatung, Paartherapie oder Familienberatung.

Beziehungsstreit - Recht haben und Recht behalten

Die Kunst der Wortklauberei und spitzfindigen Neunmalklugheit heißt Rabulistik und ist so gebräuchlich wie unbeliebt. Um jeden Preis Recht haben und Recht behalten zu müssen ist keine zielführende Strategie, denn meist geht es dabei nicht um die Sache, sondern um Dominanz.

Chronische Rechthaber sind oft unsicher und fürchten, bloßgestellt zu werden. Sie fühlen sich schnell angegriffen und reagieren darauf mit Gegenangriff – oder geschickten Verteidigungs- und Ablenkungsmanövern.

In puncto Streitkultur müssen sie lernen, dass der Partner selbst im Streit nicht zum Feind wird und dass Vertrauen auch bedeutet, Schwäche zu zeigen.

Totschlagargumente und Killerphrasen beim Streit in der Beziehung

Wer seinen Standpunkt auf Teufel komm raus nicht aufgeben will, kann sich in Absurditäten verrennen. Manche gebrauchen diese Taktik, um den anderen zu verwirren, zu ermüden, herumzukriegen oder in Wut zu bringen. Andere wenden sie an, wenn sie sich mit dem Rücken an die Wand gedrängt fühlen oder ihnen die Sachargumente ausgegangen sind.

Hier sind einige Klassiker der unsinnigen Argumentation, die auch als Totschlagargumente oder Killerphrasen bezeichnet werden:

  • Das weiß doch jeder.
  • Ich kann nicht glauben, dass ich dir das erklären muss.
  • Ich kann einfach nicht anders.
  • Ich dachte, du liebst mich.
  • Das ist wieder typisch.
  • Soweit bin ich/bist du noch nicht.
  • Du hast Recht, und ich hab Ruhe.
  • Ich weiß schon, was jetzt kommt.
  • Du bist wie dein(e)/mein(e) Mutter/Vater/ Expartner/…

Ebenfalls sinnlos, aber menschlich ist die Neigung, unbekannte Größen mit sich selbst oder über andere unbekannte Größen zu definieren. So entstehen inhaltlich absurde Aussagen, die jedoch häufig tiefernst empfunden und über die Gefühlsebene im Kontext auch verstanden werden:

  • Ich bin, wie ich bin.
  • Ich weiß, was ich weiß.
  • Ich war nicht ich selbst.
  • So bin ich doch gar nicht.
  • Ich bin nicht wie du.

Jeder beziehungserfahrene Mensch kennt diese Listen und könnte sie beliebig verlängern. Aus den USA kommt die schöne Bezeichnung „Chewbacca-Verteidigung“ für sinnlose Argumentation in Politik und Juristerei – es gibt sie auch in Liebesbeziehungen.

Wie auch immer ein Paar in Konflikten und Krisensituationen kommuniziert: Die Kommunikation muss stimmig sein und weiterführen. Ist dies nicht der Fall, können die Partner durch kritische Selbstreflektion und Übung lernen, verständliche und praktisch verwertbare Botschaften zu senden – und die Botschaften des anderen besser zu erkennen und zu verstehen.

Beleidigte Leberwurst

Demonstratives Nachgeben, Rückzug, Schweigen, Schmollen: Diese defensive Streitstrategie ist auf Dauer ebenfalls nicht konstruktiv. Der andere gewinnt den Eindruck, sein Partner sei weder an ihm noch an der aktuellen Auseinandersetzung interessiert. Schlimmstenfalls steht er mit dem ungelösten Konflikt alleine da, hat ein schlechtes Gewissen und weiß nicht einmal genau warum.

Wer schnell beleidigt reagiert und statt dem Streit lieber den Rückzug wählt, schadet auch sich selbst: Konkrete Bedürfnisse, die nicht offen und fair vorgebracht werden, stehen nicht zur Debatte und können kein Gehör finden. Der Frieden des Rückzugs ist von kurzer Dauer, denn niemand kann für immer beleidigt sein.

Angst vor harten Auseinandersetzungen, übermäßige Vorsicht und die Tendenz zum Selbstschutz lassen sich schwer abtrainieren. Doch das Aufzeigen typischer Verhaltensmuster und ein wenig Kommunikationstraining können helfen, neue Konfliktstrategien zu erlernen und im Alltag anzuwenden.

Brüllen und Poltern, Weinen und Flehen

Alle, die beim Streiten heftig und auch mal übertrieben Gefühl zeigen, dürfen sich freuen: Es ist prinzipiell gesund, Wut, Trauer, Angst oder Frust herauszulassen statt sie hinunterzuschlucken und sich ansammeln zu lassen.

Gefühlsstau kann auf Dauer zu Herz- und Kreislaufproblemen, Verspannungen, Schlafstörungen und anderen nervösen Beschwerden führen. Weinen und Schreien hingegen stellen eine Art psychischer Hygiene dar, und nach der befreienden Entladung fällt das vernünftige Denken wesentlich leichter.

Wie viel große Oper erlaubt ist, hängt natürlich stark von den Nerven des Partners ab. Um den nicht zu erschrecken oder emotional überzustrapazieren, müssen potenzielle Heuler und Brüller lernen, ihre Ausbrüche in vertretbaren Grenzen zu halten – und dem Partner auch das Recht zu Flucht und Widerstand einzuräumen, wenn es einmal zu viel wird oder zu lange dauert.

Kompromisse

Die Bereitschaft, sich auf Kompromisse einzulassen, gehört zu jeder gesunden Streitkultur. Von eisernen Prinzipien, Politik und Religion als Zankapfel sollten Paare allerdings soweit als möglich die Finger lassen. Zudem sollten die individuellen Grenzen der Kompromissbereitschaft geklärt sein und auch berücksichtigt werden.

Die besten Kompromisse sind solche, bei denen erst der eine und dann der andere seinen Willen bekommt, gefolgt von denen, bei denen jeder seinen halben Willen bekommt:

Wenn ein Partner im gemeinsamen Urlaub ans Meer will und der andere in die Berge, kann jeder seinen Willen bekommen: einer in diesem Jahr und der andere im Folgenden. Das Paar muss sich nur über die Reihenfolge einigen – oder einfach eine Münze werfen.

Träumt einer vom Hochseeangeln, während der andere Angst vor tiefem Wasser hat, können beide gemeinsam am Ufer spazieren gehen und ins Blaue schauen, oder einer fährt aufs Meer hinaus und der andere macht sich einen schönen Tag am Pool.

Lässt ein Kompromiss in der Praxis beide Seiten dauerhaft unbefriedigt, stellt sich die Frage, ob er nötig ist. Geht es um die Erfüllung eines Wunsches oder Traumes, den der Partner nicht teilt, muss Liebe noch lange nicht Verzicht bedeuten: In einer stabilen Beziehung ist Raum für Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung.

Sich Wünsche zu erfüllen und einander Gutes zu gönnen, beugt in jeder Ehe oder Partnerschaft Frust und Langeweile vor. Und auch ein Tag, der nicht gemeinsam verbracht wurde, bringt neue gemeinsame Geschichten – sie müssen nur erzählt werden.

Ihre
Ilona von Serényi, Bergisch Gladbach/Bensberg (Raum Köln)

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