Über Geschmack lässt sich streiten: Wenn Äußerlichkeiten die Beziehung belasten

In einer guten Beziehung zählen nur die inneren Werte: Diesen Ausspruch hat wohl jeder schon einmal gehört. Leider wird damit ein Ideal beschrieben, das in der Realität und im gemeinsamen Alltag vieler Paare eher theoretischen Wert, nicht aber praktische Gültigkeit besitzt. Denn in so mancher Lebensgemeinschaft ist zumindest einer der Partner unzufrieden mit dem Äußeren des andern, empfindet dessen Geschmack oder Gewohnheiten als störend und glaubt, dass Veränderungen in diesem Bereich der gesamten Beziehung gut tun würden.

Nun sind Probleme mit dem Äußeren selten auf das Äußere allein zu reduzieren. Denn mit Kleidung, Frisur, Accessoires, Make-up, Statussymbolen und dem gesamten sichtbaren Erscheinungsbild und Auftreten drücken Menschen ihr Inneres aus – oder zeigen, wie sie gerne gesehen werden möchten. Und genau dieser Unterschied kann Streit über den Geschmack bzw. Kritik am Äußeren des Partners zu einem tiefer liegenden Problem machen, das über reine Oberflächenbewegung weit hinausgeht.

Kommen Probleme mit dem Äußeren oder dem Geschmack des Partners beim Eheberater oder Paartherapeuten auf den Tisch, muss immer zuerst sondiert werden, aus welchen Gefühlen heraus diese entstehen und welche Gefühle sie in der Konsequenz auslösen. Geht es tatsächlich nur darum, sich in bestimmten Situationen angemessen zu kleiden und einem gewissen Status entsprechend aufzutreten? Mangelt es einem Partner schlicht am Interesse für Äußerlichkeiten oder am Verständnis dafür, dass das dem anderen wichtig ist? Oder zeigt sich hier eine innere Verweigerungshaltung, geboren aus der Angst, nicht gut genug zu sein, oder der Empfindung, den inneren Reichtümern werde in der Beziehung nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt?

Zeig mir deine Fassade, und ich sage dir, wer du bist

„Das ist alles nur Fassade, eigentlich bin ich ganz anders.“ Diese nicht ungewöhnliche Aussage klingt einerseits wie eine Schutzbehauptung und andererseits wie eine Einladung, hinter die Fassade zu sehen und so den „echten Menschen“ kennen zu lernen. Aber wie kann der „echte Mensch“ von seiner Fassade getrennt werden? Immerhin hat er selbst sich für diese Fassade ausgesucht, sie ist kein Zufall. Eine schüchterne Person, die sich dennoch auffällig kleidet und in der Öffentlichkeit den großen Auftritt sucht, wünscht sich vielleicht einen Partner, der ihre Unsicherheit erkennt und ihr den Halt gibt, den sie sucht. Dennoch signalisiert sie auch, mit ihrer eigenen Schüchternheit unzufrieden zu sein: Lieber wäre sie auch im Innern so selbstbewusst, wie ihre Fassade vermuten lässt.

Die Fassade ist also nicht nur Farbe und Oberflächenglanz, sondern ein sehr deutlicher Hinweis auf das Innere eines Menschen. Sie zeigt, wie er gern sein und wahrgenommen werden möchte, und oft steckt dahinter auch die (bewusste oder unbewusste) Überzeugung, in Wirklichkeit tatsächlich so zu sein – und einfach bisher noch keine Gelegenheit gefunden zu haben, die eigene Persönlichkeit zu entfalten. Seinen Partner trotz seiner Fassade zu lieben kann daher auch ein Schuss sein, der nach hinten losgeht – dann nämlich, wenn der Partner sich durch diese Akzeptanz nicht dazu ermutigt fühlt, die störende Fassade abzulegen, sondern sich endlich auch innerlich dazu zu bekennen.

Wie meist geht es hier also um Erwartungen, die bei näherem Kennenlernen entweder erfüllt oder enttäuscht werden können. Und es geht um Stimmigkeit, um die Harmonie von äußerem und innerem Erscheinungsbild. Nicht das grelle Sakko oder das ungepflegte Haar sorgen für Misstöne und Streit in der Partnerschaft, sondern ein dauerhaft empfundenes Gefühl der Unstimmigkeit. Daraus entstehen im besten Fall Kritteleien und peinliche Situationen – und im schlimmsten Fall Schuld- und Schamgefühle (das sogenannte Fremdschämen), Respektlosigkeit und der schleichende Verlust der Achtung vor einem einstmals geliebten, akzeptierten und bewunderten Menschen.

Angst vor Veränderung ist eine Grundangst des Menschen

Die Theorie von den vier Grundängsten des Menschen geht  auf den Psychoanalytiker Fritz Riemann (1902-1979) zurück. Nach seiner Auffassung leidet jeder Mensch in unterschiedlichem Maß an den folgenden vier Ängsten:

- Angst vor der Selbstentfaltung

- Angst vor der Hingabe

- Angst vor der Veränderung sowie

- Angst vor dem Notwendigen/der Beständigkeit.

Jeder Mensch muss also einen für ihn gangbaren Mittelweg finden, mit diesen Ängsten umzugehen. In einer Lebensgemeinschaft werden eigene Ängste sehr oft auf den Partner übertragen. So kann der Wunsch, den Partner innerlich oder äußerlich verändern zu wollen, auch aus der unbewussten Angst resultieren, sich selbst zu verändern.

Das ist natürlich kein Ansatz, wenn einer der Partner sich tatsächlich einfach nur schlampig oder unvorteilhaft kleidet. Allerdings finden sich Paare selten beim Paarberater oder Eheberater ein, weil einer sich einzusehen weigert, dass ihm enge Hosen nicht stehen oder der Anzug nicht mehr zeitgemäß ist. Wenn Äußerlichkeiten so belastend für die Beziehung werden, dass die Partner Hilfe durch eine Therapie oder eine psychologische Beratung suchen, ist davon auszugehen, dass sich das Problem nicht durch eine neue Frisur oder eine neue Garderobe lösen lässt.

Beruhigend ist, dass es in nicht wenigen Fällen tatsächlich um das Äußere geht und nur ein wenig Alltagspsychologie, gute Kommunikation und Offenheit notwendig sind, um das Problem anzupacken. Vielfach ist nicht einmal vollkommene Einigkeit notwendig, um die Auseinandersetzungen über den Geschmack abzustellen: Schon ein guter Kompromiss kann reichen. Dabei darf sich natürlich keiner der Beteiligten übergangen oder überrumpelt fühlen: Auch, wenn es um Äußerlichkeiten geht, ist inneres Einverständnis wichtig, denn sonst wird die Lösung nicht von langer Dauer sein.

Was tun, wenn der Partner sein Äußeres vernachlässigt?

Statistisch gesehen sind es öfter die Frauen, die sich offen oder im Geheimen wünschen, der Partner möge sein Erscheinungsbild ändern. Bei Umfragen geben mehr Frauen als Männer an, sie hätten ihren Partner im Lauf der Beziehung bereits grundlegend „umgestylt“ oder strebten Veränderungen bezüglich dessen Aussehen an.  Männer hingegen fühlen sich oft von Frauen zu Veränderungen gedrängt, die sie manchmal auch als unangenehme Erziehungsmaßnahmen, als Bevormundung erleben – und auf die sie dann eher mit Trotz als mit Neugierde oder gar Freude reagieren.

Wer seinen Partner dazu bringen möchte, sich anders zu kleiden oder zurechtzumachen, erreicht sein Ziel viel eher durch Lob und Anregung („Du bist so sexy in Anzug und Krawatte“) als durch Kritik und Nörgeleien („Nur Penner tragen solche Schlabberhosen“). Auch viele erwachsene Menschen sind sich unsicher bei der Auswahl ihrer Kleidung; die Ehrlichkeit und der klare, liebende Blick des Partners sind ein guter Spiegel und können helfen, den eigenen Stil zu finden und weiterzuentwickeln bzw. Geschmacksverirrungen zu vermeiden.

Viele Männer neigen dazu, sich bei der Auswahl der Garderobe voll und ganz auf die Partnerin zu verlassen. Nicht alle Frauen sind jedoch glücklich damit, ihren Partner in diesem Bereich zu „bemuttern“; viele wünschen sich von ihm auch bei Äußerlichkeiten mehr Eigenständigkeit und lassen sich auch gern mal überraschen.

Zum Schluss noch ein Tipp, der profan klingen mag, aber in vielen Fällen bestens dazu geeignet ist, Streit über die Garderobe zu beenden: Wenn mal wieder gar nichts passt, einfach alles ausziehen und dann weitersehen. Gibt es dann immer noch Grund zum Streiten, kann man sich dabei wenigstens auf das Grundlegende konzentrieren. 

Ihre
Ilona von Serényi, Bergisch Gladbach/Bensberg (Raum Köln)

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