Jein zur festen Partnerschaft: Bindungsangst und Beziehungsphobie

[Hinweis für Klienten: Die Informationen auf dieser Seite stellen - soweit sie Süchte oder Ängste betreffen - allgemeine Informationen zu Fragen dar, die sich häufig im Rahmen meiner Arbeit stellen. Ich greife diese Themen ggf. im Rahmen meiner Arbeit als Paartherapeutin unterstützend auf, behandele aber selbst keine Süchte oder Ängste.]

In letzter Zeit werde ich in meiner Praxis für Eheberatung und Paarberatung in Bergisch Gladbach zunehmend häufiger mit dem Thema Bindungsangst konfrontiert. Ich habe mich daher entschlossen über den bisherigen Text zum Thema Bindungsangst überwinden noch ein paar weitere Zeilen zu schreiben.

Manche Menschen gehen grundsätzlich keine festen Bindungen ein und sind als Einzelgänger glücklich. Andere können sich eine langjährige Zweierbeziehung durchaus vorstellen, lehnen jedoch die Ehe ab, oft mit der Begründung, wahre Liebe sei keine Institution und brauche kein Stück Papier vom Standesamt.

Und dann gibt es noch die echten Liebes- und Beziehungsphobiker: Sie wünschen sich Nähe, wissen aber nicht, wie sich dieser Wunsch praktisch umsetzen lässt. Sie sehnen sich nach einer liebevollen Partnerschaft  und fürchten gleichzeitig nichts mehr als die Enge der Zweisamkeit.

Bei einer professionellen Beratung oder im Rahmen einer Paartherapie suchen die Beteiligten gemeinsam nach Ursachen und Lösungen für Liebesängste und Bindungsstörungen. Jedoch profitieren nicht nur Paare vom psychologischen Beratungsgespräch oder Beziehungscoaching: Auch Singles können sich beraten lassen, um vergangene Fehler nicht wiederholen zu müssen.

Woher kommt die Angst vor der Nähe?

Unter Bindungsangst und Bindungsunfähigkeit leiden viele Betroffene selbst am meisten, da sie der Erfüllung ihrer Träume immer wieder im Wege steht. In bereits bestehenden Beziehungen haben es beide Partner schwer, wenn einer von ihnen die Nähe nicht als beglückend, sondern als bedrohlich empfindet und daher immer fluchtbereit bleibt.

Viele Menschen mit Bindungsangst blicken schon in jungen Jahren auf eine Reihe abgebrochener und zerbrochener Beziehungen zurück, für deren Scheitern sie sich selbst die Schuld geben. Oft suchen sie aktiv nach psychologischer Hilfe, um ihre Angst zu überwinden und zu einer dauerhaften Partnerschaft bereit und fähig zu werden.

Ob tatsächlich eine Bindungsangst im psychologischen Sinne vorliegt, ist meist nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Mögliche Ursachen können in früheren Beziehungen liegen, die besonders unglücklich verlaufen sind oder in denen der Betroffene stark verletzt oder enttäuscht wurde. Handfeste Bindungsstörungen entstehen jedoch sehr häufig bereits in der frühesten Kindheit und sind daher nur insofern ein Paarproblem, als die Partner der Betroffenen ebenfalls darunter leiden.

Angst vor Nähe ist Angst vor Verlust

Das so genannte Urvertrauen entsteht während der ersten beiden Lebensjahre. Es umfasst ein grundsätzliches Selbstvertrauen, Weltvertrauen, Lebensvertrauen und Vertrauen in andere Menschen und ist somit Basis jeder positiven Gesamteinstellung. Damit das Urvertrauen sich gesund entwickelt, brauchen Kinder sowohl Geborgenheit als auch klare Grenzen. Zu wenig Nähe ist ebenso schädlich wie zu viel davon.

Vernachlässigte Kinder leben in ständiger Angst vor Verlust. Die Bezugsperson ist nicht da, wenn sie dringend gebraucht wird oder ist ihrer Rolle als Behüter, Tröster, Wegweiser und Bergführer nicht gewachsen. Eine gestörte Mutter-Kind-Bindung bzw. Eltern-Kind-Beziehung kann viele Ursachen haben, darunter Überforderung, Zeit- und Geldmangel, Eheprobleme bzw. Trennung/Scheidung der Eltern, häufige Ortswechsel, Gewalt- und Suchthintergründe.

Wer als Kind keine oder viel zu wenig Nähe erfahren hat, tut sich schwer mit der Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls und Selbstvertrauens.  Auch im Erwachsenenalter bleibt die Angst, von anderen verlassen, enttäuscht, übersehen oder zurückgewiesen zu werden. Oft ist sie so tief im Unterbewusstsein vergraben, dass der Zusammenhang mit den Erlebnissen der Kindheit gar nicht hergestellt wird.

Überbehütung erschwert das Sammeln eigener Erfahrungswerte und die Entfaltung der Persönlichkeit. Die Allgegenwart einer besorgten, kontrollierenden und regulierenden Bezugsperson vermittelt dem Kind den Eindruck, alleine nicht (über-)lebensfähig zu sein. Darauf reagieren die allermeisten Kinder früher oder später mit heftigem Protest.

Das Lösen der übermächtigen Bindung ist oft ein sehr schmerzhafter Prozess, jedoch der einzige Weg zur Autonomie und Unabhängigkeit. Ein als Kind überbehüteter Erwachsener kann eine Bindungsangst entwickeln, weil er den Verlust seiner so teuer erkauften Eigen- und Selbstständigkeit mehr als alles andere fürchtet. Durch die ständige Nähe in einer festen Beziehung sieht er seine Unabhängigkeit aufs Neue bedroht – da sie ihm in den wichtigen frühen Jahren nicht freiwillig zugestanden wurde, glaubt er, weiterhin darum kämpfen zu müssen.

Wenn der Partner vor der Liebe flieht

Es sind oft die Partner bindungsgestörter oder bindungsunwilliger Menschen, die den Anstoß zu einer Paarberatung, Paartherapie oder Eheberatung geben. Dabei geht es beim ersten Gespräch selten um krankhafte Beziehungsphobie, frühkindliche Bindungsstörungen oder allgemeine Bindungsangst: Viele Betroffene sind vor allem verwirrt, traurig und ratlos. Sie fühlen sich „mit ihrem Latein am Ende“, da sie sich ihre anhaltenden bzw. immer wiederkehrenden Beziehungsprobleme nicht erklären können.

Oft kommen bei der Paarberatung oder den ersten Sitzungen der Partnertherapie Symptome auf den Tisch, während die Ursachen noch im Verborgenen liegen. Der bindungsunwillige (oder -unfähige) Partner hat häufig Erklärungen für sein Verhalten, die ihm selbst schlüssig vorkommen: Er brauche eben viel Zeit für sich selbst, er müsse sich noch „die Hörner abstoßen“, er könne manches eben nur allein richtig genießen oder entscheiden, er könne doch keine Versprechen für die Zukunft geben, da diese ja noch nicht eingetroffen sei etc..

Richtig schwierig und sehr verletzend für den Partner wird es, wenn Beziehungsphobiker auch die körperliche Nähe nicht oder nur in seltenen Momenten zulassen. Werden Zärtlichkeit, Intimität, Sexualität und Hingabe rationiert oder verweigert, bleiben die Grundbedürfnisse Geben und Nehmen auf der Strecke. Der Partner fühlt sich als Sender und Empfänger gleichermaßen vernachlässigt und zweifelt daher früher oder später seinen eigenen Wert in der Beziehung an.

Komm her, geh weg: Ein anstrengendes Spiel

Bindungsangst in einer bereits bestehenden Paarbeziehung oder Ehe bedeutet meist ein Wechselbad der Gefühle. Heute unerwartete Nähe, morgen wieder unüberbrückbare Ferne; heute ein Besserungsversprechen, morgen eine trotzige Rechtfertigung. Das ist strapaziös für die Nerven und belastend für die Liebe, die sich nach Entspannung, Erfüllung, Sicherheit und Beständigkeit sehnt.

Wer Symptome der Bindungsphobie bei seinem Partner sieht, kann einen Psychologen um Rat bitten. Klarheit bringt jedoch nur eine Paarberatung oder Paartherapie, bei der der Betroffene sich seinen Ängsten stellt und die Probleme nicht ableugnet.

Männer leiden häufiger unter Bindungsstörungen und Bindungsängsten als Frauen. Das liegt daran, dass die wichtigste Bezugsperson in der frühen Kindheit meist eine Frau ist (die Mutter). Die früh genährte Angst, von der meistgeliebten und wichtigsten Frau im Leben verlassen und verletzt oder in die Enge getrieben, abhängig gemacht und bevormundet zu werden, wird von Frauen und homosexuellen Männern später zu einem weitaus geringeren Teil auf den Partner übertragen.

Wie helfen Beratung und Paartherapie gegen Bindungsangst?

Wie schon erwähnt, müssen vor allem beide Partner mit einer psychologischen Beratung einverstanden sein. Nur auf der Basis von Problembewusstsein und Änderungsbereitschaft lassen sich auch Lösungswege finden und Strategien für den Alltag erarbeiten.

Stellt sich bei den Gesprächen heraus, dass keine „echte“ Bindungsphobie besteht, sondern akute Probleme einer glücklichen festen Partnerschaft im Wege stehen, wird an diesen gemeinsam angesetzt. Eventuell hat der betreffende Partner seine letzte Beziehung noch nicht wirklich überwunden oder traut sich nicht, konkrete Bedenken bezüglich der neuen Bindung zur Sprache zu bringen. Bei der Überwindung von Kommunikationsblockaden und destruktiven Tabuzonen haben sich Paarberatung und Partnertherapie vielfach bewährt.

Liegt tatsächlich eine frühkindliche Bindungsstörung vor, ist die Therapie oft der einzige Weg zur Heilung. Der Erwachsene kann dabei vieles nachholen, was er als Kind nicht lernen durfte, etwa das Anerkennen der eigenen Gefühle, das angstlose Zulassen und Teilen von Nähe und das Vertrauen in die eigene Stärke und die des Partners.

Das Urvertrauen eines Kindes lässt sich im Nachhinein leider nie adäquat ersetzen. Doch durch mehr Offenheit, Selbsterkenntnis und Versöhnung mit dem Vergangenen kann die Liebesfähigkeit, die Grundlage dauerhaften Glücks, in jedem Alter wachsen und Früchte tragen. 

Ihre
Ilona von Serényi, Bergisch Gladbach/Bensberg (Raum Köln)

Zurück zur Themenübersicht

Ilona von Serényi - Paartherapie & Eheberatung Köln
Gartenstraße 7, 51429 Bergisch-Gladbach (Bensberg)
Telefon: 02204/42 50 007