Interkulturelle Partnerschaften - Multikulturelle Paare - Was bedeutet das überhaupt? – Tipps aus der Eheberatung, Paarberatung

Jeder, der einen Partner aus einer anderen Kultur hat, führt eine multikulturelle Beziehung. Das Modewort "multikulturell" wird jedoch zumeist dann gebraucht, wenn es darum geht, dem Zusammenleben verschiedener Kulturen einen lockeren, bunten Anstrich zu geben. Es betont das Vermischen der Kulturen, das friedliche, bereichernde Miteinander. Als landläufige Assoziationen bieten sich Bilder an, die so plakativ und rührend sind wie das Wort selbst, etwa der Asia-Laden neben der Pizzeria oder die Moschee neben der katholischen Kirche. Eine solche friedliche Koexistenz symbolkräftiger Gebäude oder kulinarischer Besonderheiten ist jedoch etwas anderes als eine Multikulturelle Ehe, in der zwei Welten sich vier Wände und ein Dach teilen. Selbst wenn beide Partner dieselbe Sprache sprechen und im selben Land, vielleicht sogar in derselben Stadt geboren sind, ist das Konfliktpotential aufgrund divergierender Rollenverständnisse, Werte oder gesellschaftlicher Bindungen vergleichsweise höher, als wenn beide die gleichen kulturellen Wurzeln haben. Hat ein Partner sein Heimatland und soziales Umfeld verlassen, um eine Multikulturelle Ehe zu führen, ist vor allem die Anfangszeit kompliziert: Neben den rechtlichen Hürden und Behördengängen müssen die Herausforderungen des gemeinsamen Alltags gemeistert werden, die oft vorher nicht geübt werden konnten. Gerade in der sensiblen Anfangszeit stoßen binationale Partnerschaften zudem oft auf Skepsis oder Ablehnung von Seiten der Familien oder im Freundeskreis, vor allem, wenn ein Partner die Sprache noch nicht spricht oder die kulturellen Unterschiede deutlich wahrzunehmen sind.

Multikulturelle Beziehung: Wo die Liebe hinfällt, muss das Verständnis noch wachsen

Seit jeher hat das Fremde auf den Menschen eine hohe Anziehungskraft. Dazu kommt, dass Liebe imstande ist, alle Grenzen zu überwinden. Allerdings vermischen sich Kulturen wesentlich langsamer, als Menschen sich gegenseitig anziehen oder ineinander verlieben. Denn dieser Vermischungsprozess setzt das behutsame, freiwillige und schrittweise Öffnen von Grenzen voraus, die zu den stärksten und wichtigsten überhaupt gehören. Und auch nach dem Öffnen der Grenzen werden sich die weiten Gebiete dahinter nie vollständig "erobern" oder einander gleichmachen lassen. Selbst nach Jahren der Ehe leben multikulturelle Paare nur vordergründig in einer gemischten Kultur, tatsächlich jedoch in drei Kulturen: Jeder Partner hat eine mitgebracht, und gemeinsam wird eine neue erbaut und mit Leben gefüllt. Diese Aufgabe ist spannend und anspruchsvoll, denn sie fordert das Beste im Menschen. Funktionierende binationale Partnerschaften und binationale Familien gründen ihr Glück darauf, täglich zu praktizieren, was Soziologen und Eheberater für jede zwischenmenschliche Beziehung empfehlen: Toleranz, grenzüberschreitendes Denken, Großzügigkeit, Geduld und Kreativität in der Organisation des Alltags. Jedoch ist es nicht leicht, jede Schwierigkeit und neue Herausforderung immer nur als Chance zu sehen, konstruktiv umzusetzen und daran zu wachsen. Ebenso menschlich ist es, an schwachen Tagen den Kopf in den Sand stecken oder einfach davonrennen zu wollen. 

Multikulturelle Ehe: Müde vom Kampf um das ganz normale Glück

Viele multikulturelle Paare haben das Gefühl, auf einer Art Insel zu leben, umgeben von einer feindseligen Welt. Um als Individuen, als binationale Familie ebenso akzeptiert zu werden wie die "ganz normalen" Nachbarn, genügt es nicht, freundlich zu sein, sich an die Regeln zu halten und sich am sozialen Leben zu beteiligen. Binationale Partnerschaften werden besonders aufmerksam und oft erst einmal kritisch beobachtet: Kann das gutgehen? Wie wollen sie das hinkriegen? Wie lange wird das wohl dauern? Oft halten sogar die eigene Familie oder der Freundeskreis nur aufgrund der kulturellen Verschiedenheiten das Scheitern der Beziehung für wahrscheinlich, betrachten also ihnen nahestehende Menschen plötzlich durch einen Generalfilter, was sehr verletzend ist. Multikulturelle Paare fühlen Vorurteile, Skepsis und Ablehnung auch dann, wenn sie nicht laut vor ihren Ohren zur Sprache kommen. Stammt ein Partner aus einer anderen Kultur, stehen beide unter unangemessen hohem, unfreiwilligem Erfolgsdruck: Anstatt vom sozialen Umfeld in schwierigen Situationen Unterstützung zu bekommen, müssen sie erst einmal beweisen, dass ihre Beziehung etwas wert ist. Für das gleiche Maß an Anerkennung viel mehr leisten zu müssen, viel weniger nach außen zeigen zu dürfen und sich im schlimmsten Fall noch mit dem internationalen Recht und dem alltäglichen Rassismus der ganz normalen Leute herumzuärgern, kann selbst starke Menschen an ihre Grenzen bringen und binationale Partnerschaften schwer belasten. Viele multikulturelle Paare sehen ihre Liebe von den äußeren Umständen schwerer bedroht als von internen Kommunikations- oder Verständnisschwierigkeiten.

Vorurteile: Am besten ganz gelassen ernstnehmen

Wer sich für eine Partnerin oder einen Partner aus einer anderen Kultur entschieden hat, lernt spätestens jetzt die reichhaltige Palette der Vorurteile kennen, die sich an die Kultur des jeweiligen Herkunftslandes knüpfen. Auf jeden Mann, der eine asiatische Frau heiratet, warten hunderte süffisanter oder abfälliger Sprüche, ebenso auf eine Frau, deren Partner aus Afrika stammt. Überwiegend sorgenvoll sind die meist sogar gutgemeinten Ratschläge für Christen, die Muslime heiraten - und umgekehrt. Manche Klischees haben einen wahren Kern, andere sind aus Unwissenheit geboren oder werden zur gezielten Meinungsbildung propagiert. Außerdem gibt es in allen Kulturen der Erde so viele Menschen, dass nach den Gesetzen der Statistik immer genug vorhanden sein werden, auf die alle Vorurteile zutreffen. In einer Paarbeziehung geht es jedoch nicht um Völker, sondern um zwei Menschen. Wer eine Multikulturelle Ehe eingeht, hat es in puncto fremde Kultur mit seinem Partner zu tun, dessen Familie und deren Art, ihre Kultur und Religion zu leben. Darüber sollten beide schon vor dem Zusammenziehen ohne Tabus und ohne rosa Brille gesprochen haben, denn wenn Wertvorstellungen und Erwartungen in wichtigen Bereichen zu stark divergieren, sind Konflikte vorprogrammiert. Die Gretchenfrage sollte nicht erst nach der Hochzeit gestellt werden, ebenso wenig wie die nach Rollen- und Geschlechterverständnis des zukünftigen Partners, Kinderwünsche, Familienverantwortungen oder finanziellen Vorstellungen.

Stolpersteine beiseiteräumen und Klippen umschiffen

Aus einer anderen Kultur kommt immer Neues, aber nicht immer nur Wünschenswertes mit ins gemeinsame Heim. Vor allem multikulturelle Paare, die nicht ausreichend Zeit hatten, sich kennenzulernen und ihre Zukunft konkret und gut informiert zu planen, bemerken oft erst spät, dass sie nicht gelernt haben, aufkommenden Konflikten angemessen zu begegnen und sie gemeinsam zu lösen. Das Wesentlichste dazu, eine gute Kommunikation, kann nicht nur durch Sprachprobleme erschwert sein, sondern auch durch grundverschiedene innere Ausgangspunkte. In manchen Kulturen sollen Frauen nicht alleine ausgehen und Männer keine Hausarbeiten machen. Eine multikulturelle Ehe, in der der Mann arbeitslos wird und die Frau das Geld verdienen muss, kann so doppelt hart auf die Probe gestellt werden. Auch die Familie ist für multikulturelle Paare oft ein Knackpunkt: Müssen Angehörige "nachgeholt" oder finanziell unterstützt werden? Wie viel Kompromiss und Maskerade sind wie oft zumutbar, um eine sehr traditionell denkende Familie zufriedenzustellen? Was wird privat geklärt, und was ist Angelegenheit der Sippe? Binationale Familien müssen sich auch darüber klar werden, wie sie ihre Kinder erziehen möchten. Welche Werte aus welcher Kultur sollen unbedingt weitervermittelt werden, und lassen die sich einfach so miteinander vereinen?

Zwei starke Menschen bauen sich eine starke Welt

Immer dann, wenn durch die veränderten und sich verändernden Umstände Vertrautes verlorengeht, Weltbilder bröckeln und Denkgerüste ins Wanken geraten, muss das Selbstwertgefühl viel aushalten. Wird es überstrapaziert, können Angst, Trotz oder Verwirrung zu Depressionen, aggressivem Verhalten oder innerer Einsamkeit führen. Vertrauen, Wertschätzung und Anerkennung stärken das innere Rückgrat des Partners ebenso wie Neugier und nicht nachlassendes Interesse an seinen Gefühlen, Werten und Gedanken. Das gilt im Übrigen nicht nur für die multikulturelle Beziehung, sondern in jeder Partnerschaft, die glücklich bleiben soll.

Ihre
Ilona von Serényi, Bergisch Gladbach/Bensberg (Raum Köln)

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