Beziehung, Ehe - Viele Gemeinsamkeiten oder viele Unterschiede: Was funktioniert in der Partnerschaft besser?

Viele Menschen sind auf der Suche nach einem funktionierenden Beziehungskonzept. Der Volksmund hält dazu gleich zwei fundamentale Ratschläge bereit: „Gegensätze ziehen sich an“ ist der eine; „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ der andere.

Dass diese beiden Sprichwörter seit Generationen nebeneinander existieren, obwohl sie einander widersprechen, ist nur auf den ersten Blick erstaunlich. Tatsächlich liegt es daran, dass beide stimmen – genau genommen geht es in ihnen um zwei verschiedene Aspekte des Miteinanders. Das nähere Eingehen auf den Wortsinn rechtfertigt die friedliche Koexistenz zweier scheinbar unvereinbarer Weisheiten – und schärft nebenher den Blick für die oft übersehenen sprachlichen Feinheiten des Volksmunds.

Der Unterschied zwischen Anziehen und Beigesellen

Anziehungskraft (Attraktion) funktioniert über vielerlei Bereiche und Distanzen hinweg. Sie muss daher weder auf Beidseitigkeit oder Gemeinsamkeit beruhen noch zu Gemeinsamkeiten führen oder neue Tatsachen schaffen. Planeten ziehen einander an, ohne sich jemals zu begegnen; Popstars üben eine starke Anziehungskraft auf Fans aus, die sie nie kennen lernen; fast alle Menschen ziehen Stechmücken an, aber kaum einer lässt sich gern von ihnen stechen. Im Sprichwort von den Gegensätzen geht es nicht um das tatsächliche Zusammensein, sondern um treibende Kräfte – in diesem Fall die Motive, aus denen heraus sich Menschen einander annähern, sich suchen, erkennen und bewerten. Sich jemandem beizugesellen setzt jedoch eine tatsächliche Begegnung voraus – und damit Nähe. Das Sprichwort von Gleich und Gleich hat einen anderen Bezugspunkt: Der Schwerpunkt der Aussage liegt auf den bindenden und erhaltenden Kräften; es geht nicht um das Zusammenstreben, sondern um das Zusammensein.

Gegensätze ziehen sich an

Beim Fantasieren, Flirten und in der Anfangsphase einer neuen Beziehung üben Gegensätze ihre stärkste Anziehungskraft aus. Sie verheißen Überraschung, Aufregung, Leidenschaft und Spontaneität – und repräsentieren damit den Zauber des Neuen, Unbekannten und vielleicht sogar Fremden. Der wird zu Beginn einer Liebesgeschichte oft als besonders reizvoll empfunden, denn in dieser Zeit spielen Lust und Gegenwart meist die Hauptrollen, und beide Partner sind offen für neue Impulse, Abenteuer und Wagnisse aller Art.

Wird aus der heißen Anfangsphase eine tiefere bzw. engere Partnerschaft, kann die Lust an den Gegensätzen jedoch ermüden. Im Alltag werden Unterschiede schnell anstrengend; sind sie zu groß oder sind es zu viele, erschwert das jede gemeinsame Organisation beträchtlich. Konflikte können schon aus Kleinigkeiten entstehen und sich dann zu Generalfragen aufblähen; häufige Absprachen, Abgleichungen und Kompromisse sind erforderlich, es läuft nicht alles wie von alleine rund.

Das glückliche Zusammenleben und Zusammenbleiben fordert von Gegensatzpaaren viel Engagement, Reflexion, Kommunikation und Übung. Ist eine starke gemeinsame Basis vorhanden, kann das der Liebe sehr gut tun: Überraschungen verhindern Langeweile und emotionale Ermüdung im Alltag, kleine Geheimnisse schützen vor allzu viel Gewohnheit und helfen, den Partner immer wieder neu zu entdecken und nicht als Selbstverständlichkeit hinzunehmen.

Es gibt jedoch auch Paare, die sich überfordert fühlen und nicht wissen, wie sie mit ihrer Gegensätzlichkeit auf Dauer zurechtkommen sollen. Hier kann eine Eheberatung oder Paarberatung helfen, um die eigenen Bedürfnisse und die Prioritäten des Partners besser kennen und deuten zu lernen – und sie so voneinander abzugrenzen, dass Konflikte zu positiven Entwicklungen führen und nicht nur Nerven kosten und die Liebe ihrer Kraft berauben.

Exkurs: Wie kommen eigentlich die Schmetterlinge in den Bauch?

Die berühmten „Schmetterlinge im Bauch“ werden von vielen als Zeichen der Verliebtheit heiß ersehnt und freudig begrüßt. Aus Sicht der Wissenschaft ist das charakteristische Kribbeln und Ziehen in Haut und Eingeweiden jedoch eine Stressreaktion, eng verwandt mit dem heiß-flauen Gefühl vor dem Zahnarztbesuch oder dem kalten Schwitzen vor dem Bewerbungsgespräch. In solchen Situationen bereiten verschiedene Hormone den Körper auf Kampf und Flucht gleichermaßen vor, weshalb die Symptome auch als fight-or-flight-Reaktion bezeichnet werden.

Das erste Date, der erste Sex mit einem neuen Partner, die erste ausgesprochene Liebeserklärung: Es könnte großartig werden, aber auch ein völliges Fiasko. Der Versucht lohnt sich und lockt mit überwältigenden Erfolgen und reichem Lohn; gleichzeitig stellt er ein hohes Risiko dar, denn Grenzen müssen überschritten und individuelle Sicherheitsvorkehrungen drastisch gelockert werden.

Die automatisch ablaufende Körperchemie macht keinen Unterschied zwischen Rendezvous und Wurzelbehandlung. Den kennt nur das Gehirn: Es interpretiert die Signale je nach Art der anstehenden Stresssituation als (Vor-)Freude, Lust, Angst oder Verwirrung – oder eben als Verliebtheit, die gewöhnlich eine Mischung all dieser Emotionen ist.

Gleich und Gleich gesellt sich gern

Die Ergebnisse wissenschaftlicher (psychologischer) Studien untermauern die Ansicht, dass Menschen, die sich einen festen Partner wünschen, eher nach Gemeinsamkeiten suchen als nach Unterschieden. Sie orientieren sich bei der Partnerwahl nicht an Idealen und Ideen, sondern am Realistischen und Greifbaren: an sich selbst.

Persönliche Stärken, Ziele und Fertigkeiten, das eigene Selbstbild und die Selbsteinschätzung sind die wichtigsten Orientierungspunkte bei der Partnerwahl in der westlichen Welt. Der Wunschpartner soll vor allem den eigenen Qualitäten entsprechen und ihnen gerecht werden. Dabei gilt: Je größer das Selbstvertrauen, desto kleiner wird die angepeilte Zielgruppe. Wer sich viel zutraut und viel von sich hält, bezeichnet sich meist auch als besonders anspruchsvoll und wählerisch in Liebesdingen. Damit die Rechnung aufgeht, darf die Selbsteinschätzung natürlich nicht zu stark von der Außenwirkung abweichen: Ein Tiger, der sich für einen Bären hält, verpasst im schlimmsten Fall die schöne Tigerin ebenso wie die schöne Bärin – und wundert sich, dass er immer wieder allein nach Hause geht.

Gegensätze aus biologischer Sicht

Bisweilen wird mit der Biologie argumentiert: Sind sich die Partner zu ähnlich, schmälert das die Chancen auf gesunden Nachwuchs und erfolgreiche Evolution, da es hierbei vor allem auf die Vermischung möglichst unterschiedlicher genetischer Konstellationen und Potenziale ankommt. Tatsächlich sind diese Chancen – wieder bezogen auf die westliche Welt und die Statistik – jedoch am höchsten, wenn die Partner sich gemeinsam, gleichgesinnt, aufmerksam, konstant und liebevoll um das Großziehen der Kinder kümmern. Das wiederum ist am häufigsten der Fall, wenn die Eltern sich vom Charakter her ähneln; körperliche Vorzüge, Einkommensstärke und sozialer Status spielen im Vergleich dazu untergeordnete Rollen.

Um die biologische (genetische) Vielfalt und Stärke der Nachkommen kümmert sich der Mensch weniger mit Wille und Gefühl als mit der Nase: Partner mit einem stark vom eigenen abweichenden Körpergeruch werden favorisiert. Der Körpergeruch eines anderen Menschen signalisiert dessen Art und Stärke der Immunabwehr – und hier setzt jeder Mensch unbewusst auf Unterschiede zur Ergänzung und Bereicherung der eigenen Veranlagung. Diese Art der Auswahl kann jeder Mensch nur der Natur überlassen – sie läuft automatisch ab, unabhängig von Charakter, Wunsch und Vorsatz. Das Risiko, sie durch das Tragen von Parfum zu behindern, lässt sich recht einfach minimieren: Das Parfum sollte immer von der Person ausgewählt werden, die es nachher trägt. Wer sich von anderen parfümieren lässt, läuft allerdings Gefahr, der Biologie ein Schnippchen zu schlagen.

Sehnsucht nach dem Anderen: Wieviel ist gesund?

Bewusstes oder deutlich wahrnehmbares Suchen nach Gegensätzen kann die Sehnsucht nach Ergänzung ausdrücken. Sie entsteht, wenn ein Mensch sich alleine nicht vollständig fühlt: nicht komplett, nicht stark, nicht kompetent, nicht bereit, nicht gut genug für die Welt und das Leben.

Der Wunsch nach Geborgenheit, Sicherheit und Schutz beim Partner ist vollkommen legitim, ebenso die Sehnsucht nach harmonischer Ergänzung. Mangelndes Selbstwertgefühl oder geringes Selbstvertrauen führen jedoch oft zu Entscheidungen, die später bereut werden. Zuweilen münden sie in Partnerschaften mit ungleich verteilten Kräften, die schwächende und destruktive Verhaltensweisen (Resignation, Machtmissbrauch) begünstigen und die Selbstentfaltung verhindern können.

Wer sich in einer solchen Form der Gegensätzlichkeit gefangen sieht, sollte versuchen, die ungesunden Machtstrukturen zu lockern oder aufzubrechen. Auch dabei kann ein Paarberater helfen; entweder durch Einzelgespräche oder während einer gemeinsamen Paarsitzung. Ansätze wie die Eheberatung oder Paarberatung sind sinnvoll, so lange die Partner in ihrer Liebe und Beziehung eine Zukunft sehen.  Wer bereits zur Trennung entschlossen ist oder den Partner verlassen hat, kann in der Therapie mit Liebeskummer und Trennungsschmerz umgehen lernen – und sie in neue Erkenntnisse, Kraft und Neugier für die nächste Liebe verwandeln. 

Ihre
Ilona von Serényi, Bergisch Gladbach/Bensberg (Raum Köln)

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