Wenn Streit über die Kindererziehung die Paarbeziehung belastet

Eltern streiten wegen Kind - Unterschiedliche Auffassungen zur Kindererziehung belasten die Beziehung

Viele Paare suchen Rat in der Familien- und Eheberatung, weil es im Alltag zu häufigen und schweren Konflikten wegen der Erziehung der Kinder kommt. Dabei fühlen sich oft beide vom Partner bei der „richtigen“ Erziehungsmethode sabotiert und haben das Gefühl, der andere falle ihnen in den Rücken und schade damit nicht nur den Kindern, sondern auch dem Vertrauensverhältnis in der Paarbeziehung. Zum Umgang mit Streit wegen der Kindererziehung aus Sicht moderner Paarberatung.

Wie so oft ist auch hier Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Besserung. Es hat wenig Wert, Erziehungskonzepte zu verallgemeinern und sich auf eines festzulegen, denn die eine richtige Erziehungsmethode gibt es nicht. Viel wichtiger ist, sowohl sich selbst als auch den Partner und die Kinder als Individuen wahrzunehmen, die im Alltag miteinander auskommen und sich daher an bestimmte Regeln halten müssen.

Jede Erziehung braucht klare Ansagen und deutliche Grenzen – sonst kann sie weder für die Eltern noch für die Kinder funktionieren. Doch es geht nicht nur darum, den Kindern Schutz, Sicherheit und ein glaubhaftes Vorbild zu bieten, sondern auch darum, sich als Erwachsene und als Paar abgrenzen zu können. Und weil diese Fähigkeit nicht automatisch entsteht, sobald aus Liebenden Eltern werden, müssen viele Erwachsene sie nachträglich erlernen.

Diese Aufgabe ist lösbar, wenn beide dazu entschlossen sind – und ihre Lösung erleichtert den künftigen Familienalltag sowohl für die Eltern als auch für die Kinder. Eine Eheberatung, ein geschulter Paartherapeut oder auch die Familientherapie können helfen, Erziehungsfragen mit mehr Selbstvertrauen und ohne Schuldzuweisungen zu klären und dabei weder die Bedürfnisse der Kinder noch die der Erwachsenen aus den Augen zu verlieren. 

Erziehung ist kein Masterplan, sondern Vertrauenssache

Eltern sind zwar in hohem Maße für ihre Kinder verantwortlich, doch Selbstständigkeit und Eigenverantwortung sollten stets oberste Erziehungsziele bleiben. Und dafür müssen alle Beteiligten – Erwachsene und Kinder – sich selbst und einander etwas zutrauen und sich aufeinander verlassen dürfen. Nicht bedingungslose Konsequenz, sondern gelebte Einigkeit macht junge Menschen stark fürs Leben und vermittelt ihnen den Mut, zu sich selbst zu stehen und ihre Einzigartigkeit als gutes Startkapital zu empfinden.

Aufgeweckte Kinder lernen schnell, aus der Uneinigkeit ihrer Eltern Nutzen zu ziehen: Wenn ein Elternteil etwas verbietet, lohnt es sich, einfach den anderen zu fragen. Bei einzelnen Kleinigkeiten ist das in der Regel kein Problem – die Kinder lernen dadurch, dass die Eltern keine Übermenschen sind, und können außerdem wichtige zwischenmenschliche Strategien in einem geschützten Umfeld ausprobieren. Geht es jedoch um wichtige bzw. immer wiederkehrende Themen, sollten die Eltern stets geschlossen auftreten und für ihre Ansichten auch glaubwürdige und verständliche Argumente vorbringen können.

Die Einigkeit der Eltern muss natürlich echt sein. Ist sie nur vorgetäuscht, werden die Kinder das schnell durchschauen. Darum ist es für die Eltern auch so wichtig, sich bei entscheidenden Themen gut abzusprechen und eventuelle Widersprüche zu klären. Jeder bringt Erfahrungen aus der eigenen Kindheit mit, die er entweder wiederholen oder vermeiden möchte. Doch auch die müssen zuweilen kritisch hinterfragt werden. Hinter häufig vorgebrachten Argumenten wie „Mir hat eine Ohrfeige ab und zu nicht geschadet“, „Nicht gemeckert ist genug gelobt“ oder „Das musste ich auch ganz alleine lernen“ verbergen sich oft vor allem Unsicherheit und eigene frühe Verletzungen.

Streit wegen der Kindererziehung: Wann ist Konsequenz wichtig, wann ist sie zu viel?

Wichtige Themen, die Konsequenz erfordern, sind:

  • Respekt vor anderen Menschen (durch Einhalten von Absprachen, bei der Äußerung von Wünschen, bei Konflikten etc.)
  • Respekt vor anvertrauten Dingen (Umgang mit Essen, Geld, Schulsachen etc.)
  • Sauberkeit (regelmäßiges Zähneputzen, Aufräumen des Zimmers etc.)
  • Erfüllung von Alltagsaufgaben (Schule, Hausaufgaben, Hilfe im Haushalt etc.)

Hierbei sollten die Eltern immer mit gutem Beispiel vorangehen und ihren Kindern das Wertesystem, zu dem sie stehen, auch vorleben. Zeigen ist in der Regel besser als Erklären – vor allem, wenn auch der Erfolg des erwünschten Verhaltens direkt sichtbar wird und Lob und Belohnung nicht ausbleiben.

Zu viel Konsequenz in allen Lebenslagen schadet jedoch der Neugier, dem Spieltrieb und der Abenteuerlust, die allen Menschen gemeinsam sind. Bei Essenszeiten und Schlafenszeiten beispielsweise können gelegentliche Abweichungen von der Regel sehr spannend sein und richtig zelebriert werden. Auch bei der Freizeit- und Urlaubsplanung sollte die Familie sich stets Raum für Spontaneität und neue Impulse lassen – oft genug sind der Schul- und Berufsalltag bis ins Letzte durchorganisiert, und die Familie muss auch einen Ort zur Erholung bieten.

Was, wenn der Partner ganz andere Werte hat?

Bei grundlegenden Werten wie Ehrlichkeit, Respekt, Zuverlässigkeit oder Ordnungsliebe sind sich Eltern selten wirklich uneinig. Die Schwierigkeiten treten meist bei der Umsetzung und Vermittlung dieser Werte auf. So kann ein Elternteil das Kinderzimmer schon als aufgeräumt absegnen, wenn noch hier und da etwas herumliegt, während der andere erst dann zufrieden ist, wenn auch das letzte Teil sauber an seinem Platz liegt und jede Schublade ein Bild der Ordnung bietet. In solchen Fällen müssen die Eltern Kompromisse schließen, damit das Kind sicher weiß, was es zu tun hat und wann eine Aufgabe erfüllt ist. 

Wer selbst eher streng erzogen wurde, mag Widerspruch an sich schon als respektlos empfinden. Eltern, die als Kind nachfragen und auch mal diskutieren durften, nehmen Widerworte nicht zwangsläufig persönlich und neigen später ebenfalls dazu, mit ihren Kindern zu diskutieren, statt einfach Verbote auszusprechen bzw. Regeln festzulegen.

Wenn zwei Erwachsene mit unterschiedlichen Erziehungshintergründen eine Familie gründen, sieht sich der liberaler erzogene Teil oft mit dem Vorwurf konfrontiert, die Kinder zu verwöhnen – ein Vorwurf, der sich oft nicht als solcher halten lässt. Denn Menschen jeden Alters freuen sich darüber, ab und zu verwöhnt zu werden, und so lange dadurch niemand zu kurz kommt oder die Gerechtigkeit leidet, ist daran nichts auszusetzen.

Kinder lieben es, wenn sich die Eltern lieben

Viele Eltern haben Angst, durch die Liebe zum Partner den Kindern etwas schuldig zu bleiben. Diese Angst ist jedoch unbegründet, denn Mutter- oder Vaterliebe sind mit der Liebe zwischen zwei Erwachsenen nicht zu vergleichen und stören einander daher nicht. Allerdings bedeuten Elternschaft bzw. die gemeinsame Verantwortung für Kinder oft die umfassende Neuorganisation der Zweisamkeit: Die Erwachsenen müssen sich bewusst Freiräume schaffen und zuweilen sogar Termine vereinbaren, um ihre Liebe weiterhin ausleben zu können.

Zum Glück hat jeder Mensch, der liebt, unbegrenzt Liebe zur Verfügung. Durch das Verschenken wird sie nicht weniger, sondern mehr. Daher sind Kinder, die sich geliebt und anerkannt fühlen, auch gern bereit, ihren Eltern Freiräume zu lassen: Sie verstehen instinktiv, dass jede Liebe in der Familie allen Familienmitgliedern zugutekommt. Eifersucht hingegen gedeiht am besten in einer Atmosphäre der Angst und der Scham – ihr natürlicher Feind ist das Vertrauen in sich selbst und andere.

Wer Kinder erzieht, muss von Kindern lernen können

Wenn Erziehungsfragen in der Paarberatung oder Familientherapie auf den Tisch kommen, geht es oft um frühe oder verdrängte Ängste der Erwachsenen. So wollen Eltern ihren Kindern etwa Leid ersparen, das sie selbst als Kinder erleben mussten, oder verhindern, dass sie Eigenschaften, die sie an sich selbst nicht mögen, weitergeben. Viele fühlen sich als Erzieher hilflos, weil sie die eigenen Eltern als hilflos empfanden.

Ebenso wichtig wie der ehrliche Dialog mit dem Kind im Innern ist auch der klare Blick auf die eigenen Kinder. Diese sind weder Fortsetzungen noch Spiegelbilder ihrer Eltern, sondern vom ersten Lebenstag an Individuen, deren Bedürfnisse sich von denen der Eltern oder Geschwister durchaus unterscheiden können. Manche Kinder lernen am besten und fühlen sich am wohlsten, wenn sie dabei in ständigem engen Kontakt zu den Eltern stehen; andere wollen allein Erfahrungen sammeln und danach ganz nach Wunsch davon erzählen dürfen.

Es ist menschlich, auf die große und lebenslange Verantwortung der Elternrolle zuweilen mit Angst, Verunsicherung oder dem Gefühl der Überforderung zu reagieren. Doch zum Glück zeigen Kinder meist sehr deutlich, was sie wollen und brauchen, was ihnen gut tut und was nicht. Und davon können die Erwachsenen täglich profitieren: Egal ob Traditions- oder Patchworkfamilie und unabhängig von vergangenen Erfahrungen: So lange Einigkeit darüber herrscht, dass es jetzt allen gutgehen soll, lassen sich aus den verschiedensten Situationen die jeweils besten Verhaltensweisen ableiten – durch Achtsamkeit, Aufmerksamkeit und Empathie. 

Ihre
Ilona von Serényi, Bergisch Gladbach/Bensberg (Raum Köln)

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