Offene Beziehungen – Lizenz zum Fremdgehen oder Treue 2.0?

Paar unter Decke ertappt - offene Beziehungen und ihre Nebenwirkungen

Zur konventionellen Ehe gehört eine Treueverpflichtung. Auch in Lebenspartnerschaften ohne Trauschein gilt Treue als oberstes Gebot. Laut landläufiger Definition sind damit vor allem Exklusivrechte an der körperlichen und sexuellen Zuwendung des Partners, seinem Begehren, seinem größtmöglichen Maß an Vertrauen und Loyalität gemeint. Die Zusage dieser Exklusivrechte schafft Sicherheit, stärkt das Selbstvertrauen und ist für die meisten Menschen Grundbedingung für stabile Zweisamkeit auf Augenhöhe: Untreue ist einer der häufigsten Trennungs- und Scheidungsgründe.

In einer offenen Beziehung oder offenen Ehe haben jedoch mehr als zwei Personen Zugang zum Allerheiligsten. Die gemeinsame Privat- und Intimsphäre ist offen für weitere Liebes- oder Sexualpartner. Das Maß an Offenheit wird vorher vereinbart. Mit dem Begriff der offenen Partnerschaft oder offenen Ehe lassen sich mehrere alternative Beziehungskonzepte zusammenfassen.

Formen der offenen Beziehung

Die meisten offenen Beziehungen hierzulande sind feste Zweierbeziehungen, zu deren partieller Auflockerung oder Erweiterung die Partner sexuelle Freizügigkeit vereinbart haben. Jeder räumt dem anderen das Recht auf weitere Sexualpartner bzw. Sex außerhalb der Zweierbindung ein, wobei es stets konkrete Vereinbarungen geben sollte, an die sich beide halten.

Ein verheiratetes Paar, das hin und wieder einen Swingerclub mit entsprechenden „Fremdkontakten“ besucht, führt eine offene Ehe; ebenso eines, das seit Jahren einen gemeinsamen Geliebten hat. Offen ist die Beziehung auch dann, wenn beide sich nicht festlegen wollen oder können – solange Einigkeit und Ehrlichkeit über die betreffenden Bereiche und den Umgang damit besteht. Ist dies nicht der Fall, ist die Beziehung nicht offen, sondern gefährdet oder bereits gescheitert.

Offene Partnerschaften können auch Liebesbeziehungen zwischen drei oder mehr Menschen sein, also eine echte Alternative zur Zweierbeziehung. Das englisch-griechische Mischwort Polyamory, Mehrliebe oder Vielliebe, wurde in den 1990er Jahren eigens für diese Liebes- und Lebensform erschaffen, um sie von der Polygamie oder der Freien Liebe, etwa im Sinne der 1968er Jahre, abzugrenzen.

Natürlich ist das Konfliktpotenzial in einer nicht nur sexuellen, sondern emotionalen Dreier- oder Viererbeziehung besonders vielfarbig und kompliziert – eben eine Gleichung mit mehr als zwei Unbekannten. In der professionellen Ehe- und Paarberatung kommen jedoch selten polyamouröse Partnerschaftsprobleme zur Sprache: Diese Beziehungsform ist so selten, dass sie von den meisten Statistiken vernachlässigt wird.

Verantwortung und Eifersucht in offenen Zweierbeziehungen

Ganz wichtig ist, dass die Partner ähnliche Bedürfnisse haben und von den vereinbarten Zusatzrechten in ähnlichem Umfang Gebrauch machen.  Es ist keine Basis für eine erfüllende Beziehung, wenn einer lediglich die Untreue des anderen akzeptiert, um ihn nicht ganz zu verlieren.

Offenheit ist kein Synonym für Halt- und Zügellosigkeit. Sie muss verantwortungsvoll gelebt werden. Regeln können essentiell sein, etwa die Vereinbarung, nur mit dem festen Partner ungeschützten Sex zu haben oder immer rechtzeitig zu Hause zu sein, um mit den Kindern zu frühstücken.

Die Partner müssen einander trotz aller Abenteuer festen Halt geben. Die Partnerschaft muss klare Alleinstellungsmerkmale haben – und natürlich Priorität, wenn es zu Konflikten kommt. Sie darf weder zur Warteschleife noch zum bequemen Ruheraum werden, erfordert also dauerndes und freiwilliges inneres und äußeres Engagement.

Eifersucht gibt es auch in offenen Beziehungen. Und auch hier können die Betroffenen ihr mit verschiedenen Strategien entgegentreten. Menschen mit Vertrauensdefiziten, starken Verlustängsten und schwachem Selbstwertgefühl bietet eine offene Beziehung selten ausreichend Schutz, um über ihre latente Eifersucht hinwegzukommen. Gibt es jedoch Probleme wegen konkreter Regelverletzungen oder akuter Vernachlässigung des Partners, ist Eifersucht in offenen Beziehungen ein Warnhinweis. Sie kann bedeuten, dass sich Prioritäten unmerklich verschoben haben und die Partnerschaft in ihrer ganz eigenen Balance gestört ist.

Wer anders liebt, braucht Kraft und Disziplin

Sexuell freizügige Zweierbeziehungen unterscheiden sich sehr von polyamourösen Partnerschaften. Allen Alternativkonzepten ist jedoch gemeinsam, dass ihre Umsetzung viel Selbstvertrauen und Vertrauen erfordert. Zudem gehört einiges an Mut dazu: Paare in offenen Beziehungen müssen ihre eigenen Gesetze machen und ausprobieren, anstatt sich an geltenden Richtlinien zu orientieren. Sie genießen weniger moralischen Rückhalt in der Gesellschaft als Menschen in konventionellen Partnerschaften und traditionell verwurzelten Ehen.

Vorurteile sind weit verbreitet, deshalb halten viele alternativ Liebende ihren Lebensstil vor den Nachbarn und selbst vor Eltern und Kindern lieber geheim. Tauchen Schwierigkeiten auf, wissen viele nicht, an wen sie sich wenden sollen. Paarberater bzw. Eheberater sind jedoch keine moralischen Instanzen, sondern sehen sich als Vermittler und Unterstützer, wann immer es Probleme zwischen Liebenden gibt. In der Eheberatung bzw. Paarberatung wird nicht zwischen richtigen oder falschen Beziehungskonzepten unterschieden, sondern ein Weg gesucht, wie die Liebe funktionieren kann.

Im professionellen Beratungsgespräch offenbaren sich für Beziehungs- und Eheprobleme meist viele mögliche Gründe und Lösungswege. Im Vordergrund steht jedoch immer die Kommunikation zwischen den Partnern:  Ist sie abgerissen, falsch gelaufen oder eingeschlafen, kann sie neu belebt oder neu gelernt werden – sie ist Grundlage aller gemeinsamer Pläne von dauerhaftem Glück.

Ihre
Ilona von Serényi, Bergisch Gladbach/Bensberg (Raum Köln)

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