Mein Partner hat einen Tick: Ist das noch normal oder schon zwanghaft?

Es ist kein Geheimnis, dass jeder Mensch (Ehepartner, Lebenspartner, Freund) mindestens einen kleinen Tick hat. Denn zu diesen oft halb bewusst oder unbewusst ausgeführten und immer wiederkehrenden Verhaltensweisen gehören auch sämtliche Marotten, die fast jeder schon bei sich selbst, beim Partner oder im Bekannten- und Verwandtenkreis beobachtet hat. Manche kauen auf den Fingernägeln, andere nagen an ihren Lippen, saugen an ihren Zähnen, trommeln dauernd mit den Fingerspitzen auf den Tisch oder wickeln sich Haarsträhnen um die Finger.

Oft verstärken sich diese Ticks, wenn der oder die Betroffene unter Stress steht oder vor lauter Konzentration auf eine andere Tätigkeit so abgelenkt ist, dass er gar nicht bemerkt, was etwa die Finger seiner anderen Hand oder seine Kiefermuskeln gerade so treiben. Es gibt auch Menschen, die sich solchen und ähnlichen Ticks besonders gern hingeben, wenn sie entspannt sind und sich unbeobachtet glauben.

Ein bisschen zu spinnen ist normal und gehört zur Natur des Menschen. Motorische Ticks wie die oben genannten gelten als harmlos, weil sie so weit verbreitet sind, trotzdem meist nur einen sehr  geringen Teil des Alltags beanspruchen und in der Regel höchstens geringe Schäden anrichten (etwa abgekaute Fingernägel, ausgerissene Haare, raue Stellen an der Mundschleimhaut oder strafende Seitenblicke, wenn der Tick durch Geräusche oder andere Auffälligkeiten andere ablenkt, nervt oder stresst).

Schwieriger wird es, wenn die Ticks weitreichender sind, so dass der Betroffene oder sein Partner ernsthaft darunter leiden. Haben sich die Ticks erst in der Beziehung entwickelt oder wird deren Ausmaß erstmals vom Partner erkannt, müssen beide sich mit der Frage auseinandersetzen, ob und in welcher Weise sie etwas dagegen unternehmen wollen – oder können, denn nicht jede Marotte lässt sich dauerhaft unterdrücken, abgewöhnen oder abtrainieren.

 

Komplizierte Ticks können viel Zeit und Kraft in Anspruch nehmen

Individuelle Erlebnisse und tief sitzende Ängste können dazu führen, dass manche Menschen mit manchen Dingen übervorsichtig umgehen oder bestimmten Handlungen eine unangemessen hohe Bedeutung einräumen. Beispiele dafür sind das unwiderstehliche Bedürfnis, sich beim Verlassen des Hauses ein zweites, drittes und viertes Mal davon zu überzeugen, dass der Herd ausgeschaltet ist, oder der Zwang, alle paar Minuten seinen Tascheninhalt zu überprüfen oder an jeder Ampel die Handbremse anzufassen, um sicherzugehen, dass sie nach wie vor nicht angezogen ist.

Eine andere harmlose Alltagsneurose, die dennoch bereits etwas deutlich Zwanghaftes aufweist, ist die Angewohnheit, vor dem Kauf von Obst, Gemüse oder anderen Lebensmitteln minutenlang einzelne Stücke zu begutachten, in den Händen zu wiegen und daran herumzudrücken, selbst wenn durch bloßes Betrachten schon deutlich wird, dass sie einwandfrei sind.

Automatisierte Handlungen können sich mit der Zeit oder in Belastungssituationen ausweiten. Im schlimmsten Fall geraten sie so sehr außer Kontrolle, dass sie den (Beziehungs-)Alltag prägen oder gar beherrschen – etwa wenn das Verlassen der Wohnung nur noch nach einem langwierigen und komplexen Kontrollritual möglich ist, wenn es auch im Job Probleme wegen des oder der Ticks  gibt oder das zwanghafte Verhalten so unübersehbar wird, dass öffentliche Auftritte zur Qual werden oder im Fiasko enden.

Spätestens dann sollten die übermächtigen Marotten dem Betroffenen und auch dem Partner aufgefallen sein – meist als Belastung, die man gern wieder loswerden würde. Kommt ein Paar deswegen zur Eheberatung oder entschließt sich zu einer Paartherapie, hat das Problem meist schon eine lange Geschichte. Vielfach sind frühere Lösungsversuche, z. B. durch mehr Aufmerksamkeit, Ermahnungen oder selbst auferlegte Disziplinierungs- und Trainingsmaßnahmen, bereits gescheitert, und beide fühlen sich angesichts der zunehmenden Schwierigkeiten hilflos und überfordert.

 

Kann eine Eheberatung oder Paartherapie gegen krankhafte Ticks helfen?

Grundsätzlich ist ein Psychologe als Ansprechpartner nicht verkehrt, wenn man wissen möchte, ob ein Verhalten noch normal oder schon eine behandlungsbedürftige Zwangsstörung ist. Der Eheberater oder Paartherapeut, auch wenn er ausgebildeter Psychologe ist, hilft vor allem bei der Lösung von Eheproblemen, Fragen und Konflikten rund um Beziehung und Partnerschaft. 

Hat ein Partner einen Tick, der die Beziehung belastet, geht es also weniger darum, ungewöhnlichen oder unerwünschten Handlungen einen medizinischen Namen zu geben oder sie für normal zu erklären – denn das bringt keinen weiter und fügt der komplizierten Sachlage lediglich neue verwirrende Elemente hinzu.

Im Vordergrund stehen bei einer Ehetherapie oder Paarberatung die Möglichkeiten zum konstruktiven Umgang mit der individuellen Situation – und natürlich um die Zukunftsperspektiven der Partnerschaft. Und die sind nicht nur von Art und Ausprägung des Ticks abhängig, sondern im hohen Maß auch von der Bereitschaft des anderen Partners, sich damit auseinanderzusetzen und zu arrangieren bzw. den Partner gegebenenfalls bei einer angeratenen Einzeltherapie zu unterstützen.

Das kann bedeuten, weiterhin und vielleicht für lange Zeit die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und auf vieles zu verzichten, das gemeinhin als normal gilt. Denn die Behandlung krankhafter Ticks, etwa eines medizinisch diagnostizierten Tourette-Syndroms oder einer Zwangsstörung, ist schwierig und teilweise gar nicht möglich.

Jeder Fall ist anders, und jeder Tick ist etwas ganz Persönliches. Daher gibt es weder zuverlässige Mittel noch sicher erfolgreiche Therapieansätze, sondern nur Versuche, Behandlungsoptionen und die Bereitschaft, sie auszuprobieren bzw. sich gemeinsam darauf einzulassen. Fehlt diese Bereitschaft, kann eine Trennung, auch wenn sie schmerzlich ist, für beide das Beste sein.

 

Bei Beziehungsproblemen sind immer beide Partner beteiligt

Anders sieht es natürlich aus, wenn die Ticks oder Marotten eines Partners zwar den anderen stören, ärgern oder regelmäßig auf die Palme treiben, aber keine Verhaltensstörung im medizinischen bzw. psychologischen Sinne darstellen. Denn hier haben beide Beteiligte viele Möglichkeiten zur Selbsthilfe, wenn der richtige Lösungsansatz erst einmal gefunden ist. Und hierbei kann eine psychologische Eheberatung oder Paartherapie sehr gut unterstützen, etwa durch die Klärung folgender Fragen:

  • Erleben beide den Tick bzw. die Verhaltensauffälligkeiten gleichermaßen als störend?
  • In welchen Lebens- und Beziehungsbereichen gibt es deswegen Konflikte, und wie sehen die konkret aus?
  • Wie stellen sich beide eine Verbesserung der Situation vor? Wie würde das Zusammenleben sich durch die Lösung der aktuellen Probleme verändern?
  • Gibt es bereits jetzt Situationen, in denen die Ticks merklich schwächer oder stärker sind? Woran könnte das liegen? Mit welchen Verhaltensänderungen im Alltag ließen sich diesbezügliche Erkenntnisse positiv verwerten?

Bei der gemeinsamen Überwindung von Beziehungsproblemen ist es immer wesentlich, dass die Partner trotz aller Konflikte fest zueinanderstehen und auch in Zukunft zusammenhalten möchten. Daher müssen beide an sich arbeiten, auch wenn auf den ersten Blick nur einer ein Problem zu haben scheint. Denn in einer langfristig angelegten Partnerschaft gibt es genau genommen keine Privatprobleme, denn die Schwierigkeiten gehen immer beide an.

Die Übergänge zwischen lästigen Marotten, Zwangs- und Suchtverhalten sind fließend, und dabei sind das Leid und der Stress des passiv betroffenen Partners oft ebenso groß oder sogar noch größer als die des direkt betroffenen. Gefühle der Ohnmacht, der Vernachlässigung oder der aufgestauten Wut treffen auf Scham, Verdrängung oder Trotzreaktionen. Das alles ist menschlich, berechtigt und verständlich, aber schlecht für die Harmonie in der Beziehung und das Vertrauen in sich selbst, den Partner und die gemeinsamen Zukunftspläne.

Um herauszufinden, ob und unter welchen Bedingungen die Partnerschaft noch tragfähig ist oder sich stabilisieren lässt, müssen beide Seiten zu Wort kommen dürfen und ernst genommen werden. Sind die Liebe und grundsätzliche Zuversicht bei beiden noch stärker als Sorgen, Wut und Zweifel, gibt es auch eine Chance, wieder zueinanderzufinden und gemeinsam weiterzukommen. 

Ihre
Ilona von Serényi, Bergisch Gladbach/Bensberg (Raum Köln)

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